Beitrag vom 02.04.2025
Beleghebammen unter Druck – neue Vergütungsregelung gefährdet die Geburtshilfe
Der Hebammenverband NRW warnt vor geplanten Vergütungsänderungen für Beleghebammen, die die geburtshilfliche Versorgung bedrohen. Betroffen wären u.a. Regionen wie Kleve, Wesel, Paderborn und Stolberg. Der Verband fordert faire Bezahlung und ruft zur Unterstützung einer Petition auf.

Der Hebammenverband Nordrhein-Westfalen warnt eindringlich vor den geplanten Änderungen der Vergütung für Beleghebammen. Nach dem Vorschlag des GKV-Spitzenverbands, der aktuell in einer Schiedsstelle auf Bundesebene verhandelt wird, sollen selbst die Leistungen für die erste betreute Frau nicht mehr vollständig vergütet werden. In der Realität betreut eine Hebamme jedoch meist mehrere Frauen parallel. Die Betreuung einer zweiten und dritten Frau soll laut GKV-SV nur noch zu einem Bruchteil bezahlt werden, und ab der vierten betreuten Frau erfolgt gar keine Vergütung mehr – obwohl die Hebamme weiterhin die volle Verantwortung trägt.
Dieses Modell ist fachlich und praktisch unhaltbar. Beleghebammen arbeiten unter hoher Belastung, in ständiger Rufbereitschaft und tragen maßgeblich zur Sicherheit und individuellen Betreuung während der Geburt bei. Diese Leistung muss auch finanziell anerkannt werden.
Das Verfahren liegt derzeit in der Schiedsstelle. Der Deutsche Hebammenverband kämpft dort mit Nachdruck für bessere und zukunftsfähige Rahmenbedingungen.
Besonders dramatisch wären die Folgen in einigen Regionen – wie etwa in Teilen Nordrhein-Westfalens, wo Beleghebammen nicht nur ergänzen, sondern die geburtshilfliche Versorgung überhaupt erst ermöglichen. In Regionen wie der Region um Kleve und Wesel in der Bezirksregierung Düsseldorf oder in Paderborn gibt es derzeit keine klinische Geburtshilfe ohne Beleghebammen. Würden sie wegfallen, müsste die Geburtshilfe in den Kliniken eingestellt werden.
Gebärende müssten dann auf Kliniken in anderen Landkreisen ausweichen – mit Entfernungen von 40 bis 60 Kilometern oder mehr, je nach Wohnort. In ländlichen Gegenden wie diesen bedeutet das nicht selten Fahrzeiten von über einer Stunde – besonders kritisch in Notfällen oder bei schnell verlaufenden Geburten. Diese Situation macht deutlich, wie unverzichtbar Beleghebammen für die geburtshilfliche Versorgung in vielen Regionen sind. Ohne ihren Einsatz ist eine flächendeckende Betreuung nicht aufrechtzuerhalten.
Auch in Städten wie Düren und Halle/Westfalen, die ein Belegsystem in ihren Kreißsälen haben, wären massive Einschnitte zu befürchten. Die Versorgungssicherheit wäre dort ebenso bedroht wie in anderen ländlichen Regionen.
Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Geburtshilfe und Frauengesundheit haben in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kaum Priorität. Während andere familienpolitische Themen – wie die Elterngeldkürzung im vergangenen Jahr – riesige öffentliche Unterstützung mobilisierten, bleiben geburtshilfliche Anliegen oft unbeachtet.
Deshalb unterstützen wir die aktuelle Petition des Deutschen Hebammenverbandes für eine bessere Betreuung von Frauen in der Geburtshilfe. Auch wenn sie nicht ausschließlich auf die Situation der Beleghebammen abzielt, zeigt sie, wie viel Rückhalt das Thema in der Bevölkerung hat. Wenn diese Petition erfolgreich ist, beweist das: Wir können Menschen bewegen – und sind nicht allein.
Die 1:1-Betreuung unter der Geburt ist ein zentrales Ziel des nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“. Dieses Ziel ist nicht verhandelbar – und muss endlich von allen Beteiligten ernst genommen werden. Insbesondere die gesetzlichen Krankenkassen und der GKV-Spitzenverband stehen hier in der Pflicht. Sie tragen eine direkte Mitverantwortung dafür, ob Frauen unter der Geburt gut versorgt sind – oder ob funktionierende Strukturen durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen zerstört werden.
Es reicht nicht, sich auf dem Papier zu einem Gesundheitsziel zu bekennen – die Umsetzung muss auch bezahlt werden. Eine persönliche, kontinuierliche 1:1-Betreuung durch Hebammen darf kein Privileg für wenige bleiben. Sie muss im Versorgungsalltag planbar, finanzierbar und flächendeckend möglich sein. Der GKV muss dieser Verantwortung gerecht werden. Jetzt.
Denn die Realität ist: Jedes Jahr kommen rund 180.000 Kinder in Deutschland in einem Beleghebammensystem zur Welt. Dieses Modell ist kein Nischenphänomen – es ist ein tragender Pfeiler der geburtshilflichen Versorgung. Wird es aus wirtschaftlichen Gründen zerschlagen, trifft das nicht nur Hebammen – es trifft Familien, Kinder und die Versorgungssicherheit in den Kliniken.
Die Gesellschaft muss laut und sichtbar werden. Für eine starke Geburtshilfe. Für Frauen. Für Hebammen. Für unsere Kinder.
Für Rückfragen und weitere Informationen:
Landesverband der Hebammen Nordrhein-Westfalen e. V.
Pressekontakt:
Michelle Rump 1.vorsitz@hebammen-nrw.de